Hallo Fritzlar!
Ich bin Casjen von der LSBT*IQ Netzwerkstelle Nordhessen und ich spreche heute hier auf dieser Bühne als nicht-binäre trans Person. Als queere Person. Und ich halte diese Rede nicht als Besucher aus Kassel – ich rede hier als Fritzlarer.
Ich bin hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ich hab hier früher am Sommeranfang mit meiner Oma den ersten Eisbecher des Jahres gegessen, auf dem Marktplatz die Fische im Brunnen angeguckt, bin mit dem Fahrrad zum Wehr gefahren. Ich habe hier Theater gespielt in der Kulturscheune und Tischtennis im Sportverein. Fritzlar ist meine Heimat.
Und ich weiß: Ich bin nicht die einzige queere Person von hier. Uns gibt es überall. Auf dem Dorf. In der Kleinstadt. Zwischen Kühen und Fachwerkhäusern. In Kindergärten, in Fußballmannschaften, auf dem Schützenfest. Wir sind Lehrer*innen, Handwerker*innen, Eltern und Nachbar*innen.
Wir sind nicht nur in Berlin. Wir sind auch in Haddamar, in Lohne, in Ungedanken. Wir sind nicht „neumodischer Quatsch“. Wir sind kein „Trend aus dem Internet“. Wir waren schon immer hier. In euren Geschichten von damals. In euren Familienstammbäumen. In euren Kirchenbänken. Wir haben nur lange gelernt, leise zu sein. Still zu lächeln, wenn jemand Witze über uns macht. Still zu weinen, wenn niemand da ist, der uns sieht. Aber heute sind wir laut. Heute sind wir viele. Heute sind wir zusammen hier.
Ihr hört es vielleicht in meiner Stimme: Ich würde euch hier gerne nur fröhliche Geschichten erzählen und schöne Worte finden, um Queerness auf dem Land zu beschreiben. Aber ich bin traurig, und ich bin wütend.
Ich bin wütend, weil ich meine Kindheit damit verbracht habe, zu hoffen, dass man mir meine Queerness nicht ansieht. Weil ich gelernt habe, wie man sich kleiner macht. Wie man sich versteckt. Wie man überlebt.
Ich bin wütend, weil queere Jugendliche immer noch von ihren Familien verstoßen werden – nicht nur irgendwo, wo es uns gefühlt nichts angeht, sondern auch hier. Weil trans Menschen Angst haben, zur Post zu gehen, und ein Paket abzuholen, weil da ihr alter Name auf dem Ausweis steht. Weil wir immer wieder beweisen müssen, dass wir existieren – und dass wir es wert sind, zu leben.
Ich bin wütend, weil Menschen in Anzügen, die noch nie mit einem von uns gesprochen haben, über unsere Leben diskutieren, als wären wir ein Risiko – dabei sind wir nur eines: Menschen.
Hier und heute nutze ich diese Wut, um für ein Fritzlar zu kämpfen, in dem kein Kind sich fragt, ob es falsch ist. Für einen ländlichen Raum, in dem queere Menschen nicht weglaufen und in die Großstädte fliehen müssen, um frei zu sein. Für eine Welt, in der ein Coming Out nicht bedeutet „Ich verliere alles“, sondern „Ich gewinne etwas dazu“. Denn wir gehören hierher. Queere Menschen sind nicht das Fremde – wir sind das Verborgene, das endlich ans Licht kommt. Wir sind nicht „die anderen“ – wir sind eure Geschwister, eure Kinder, und vielleicht sogar eure engsten Vertrauten.
Wir sind im Karnevalsverein und unterhalten euch mit unseren einstudierten Tänzen. Wir stoßen mit euch auf dem Weihnachtsmarkt an, feiern neben euch auf der Kirmes, kaufen am selben Stand auf dem Wochenmarkt ein und sind im Auto hinter euch im Drive-In. Wir sind mit euch im Kirchenvorstand und sitzen neben euch im Bus. Wir sind in der freiwilligen Feuerwehr und im Posaunenchor, kennen immer noch den Text vom Krippenspiel aus der Kindheit und sind mit den neuen Selbstbedienungskassen im DM auch manchmal ziemlich überfordert. Wir gestalten das Leben auf dem Land mit. Wir gehören dazu. Wir sind der ländliche Raum.
Wir erleben gerade täglich, wie unsere Rechte wieder verhandelbar gemacht werden. Wie queere Menschen systematisch angegriffen werden – medial, politisch, und oft genug auch physisch. Wie unsere Existenz lächerlich gemacht wird. Wie unsere Würde verhandelbar scheint. Das ist kein Zufall. Das ist Strategie.
Also nutzt auch ihr eure Wut, eure Trauer, oder welche Gefühle all das in euch auslöst. Wenn ihr cis seid, wenn ihr hetero seid, wenn ihr nicht selbst betroffen seid: Dann seid laut. Nicht nur heute hier auf dem CSD, sondern auch morgen – beim Familienfest, in der Schule, im Verein, am Stammtisch. Schaut nicht weg, wenn Hass laut wird. Fragt, was ihr tun könnt, und tut es dann auch.
Sichtbarkeit an nur einem Tag im Jahr reicht nicht. Was wir brauchen sind aktiver Schutz, solidarische Verbündete, verlässliche Strukturen. Was wir brauchen sind Menschen, die an unserer Seite stehen, auch wenn alle anderen sich von uns abwenden. Was wir brauchen ist eine klare Haltung.
Danke.
